Michele Montagano ist am 4. August 2024 im italienischen Campobasso im Alter von 102 Jahren gestorben. Er war im II. Weltkrieg Offizier in der italienischen Armee und wurde im September 1943, kurz nachdem Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten vereinbart hat, von deutschen Soldaten gefangen genommen. Die Italiener wurden aufgefordert, mit der Deutschen Wehrmacht weiter zu kollaborieren. Wer das ablehnte, wurde gefangen genommen. Wie die meisten der italienischen Soldaten verweigerte auch Michele Montagano. Er wurde wie ca. 600.000 andere in Lager eingesperrt und musste Zwangsarbeit leisten. Michele Montagano wurde nach Osteuropa transportiert und in Polen und in der Ukraine in Lagern inhaftiert. Im Februar 1944 kam er nach Deutschland wo er u.a. im niedersächsischen Sandbostel war. Bis zum Tag der deutschen Niederlage musste er als Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Von den insgesamt ca. 600.000 gefangenen, italienischen Soldaten starben mehr als 50.000.


Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter auf dem Sportplatz an der Max-Brauer-Allee
Redebeitrag von Jan Krüger vom 6. September 2024

Zurück in Italien war seine Situation ebenfalls schwer. In der Öffentlichkeit war das Schicksal der italienischen Militärinternierten als Zwangsarbeiter kaum bekannt. Folglich wurden sie als Verfolgte des NS-Regimes nicht anerkannt. Michele Montagano hat zwar eine Entschädigung erhalten, da er Häftling eines Vernichtungslagers war. (Das Geld hat er der Vereinigung der italienischen Militäinternierten (ANRP) gespendet.) Für die 20 Monate andauernde Gefangenschaft und Zwangsarbeit hat er, wie so viele andere allerdings keine Entschädigung erhalten. Dieser Teil seiner Geschichte ist die einer weiteren Demütigung von deutscher Seite.

Als im Jahr 2000 unter massiven Druck der USA ein Fonds aufgelegt wurde, der die Zwangsarbeiter des NS-Staats entschädigen sollte, gab es auch in Italien Hoffnungen. Der Fonds wurde von der deutschen Stiftung ”Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” (EVZ) verwaltet. Auch Michele Montagano stellte einen Antrag bei der EVZ. Doch die deutsche Regierung schloss die IMIs aus und verweigerte ihnen somit selbst eine kleine Entschädigung. Eine Entschädigung aus dem Fonds wurde ihnen verweigert da sie ”normale” Kriegsgefangene gewesen seien, und damit nicht entschädigungsberechtigt. Die Nazis hatten sie allerdings 1943 zu Zivilisten, nämlich zu ”Militärinternierten” erklärt, um ihnen die wenigen Rechte eines Kriegsgefangenen auch noch zu verweigern. Als Zivilisten wären sie damit berechtigt gewesen, Gelder aus dem Zwangsarbeiterfonds zu erhalten. Im Jahre 2000 behauptet die Bundesregierung auf Basis eines Rechtgutachten jedoch, dass die Nazis damals im Jahre 1943 illegal gehandelt haben und die italienischen Zwangsarbeiter somit doch Kriegsgefangene gewesen seien und ihnen somit keine Entschädigung zustand.

Serafino Gesparino, der als IMI in Deutschland Zwangsarbeit leisten musste, erklärte am 25. Juni 2002 dazu: ”Die deutsche Entscheidung halte ich für skandalös. Wenn sie uns als Kriegsgefangene behandelt hätten, dann wäre ja alles okay gewesen. Aber sie haben uns nicht als Kriegsgefangene behandelt. Wir waren Sklaven. Daher ist das deutsche Rechtsgutachten, wonach wir keine Zwangsarbeiter waren, nicht korrekt.”

Und Michele Montagano kommentiert die Abweisung der IMIs so: ”Es hat nie eine Entschädigung gegeben. Das war nie Thema. Dafür aber: »Ja, wir machen eine Bibliothek, ein Museum, ein Denkmal als Erinnerung.« Aber es hat nie eine Aussprache oder eine Abmachung in Bezug auf eine Entschädigung gegeben. Wir haben nie etwas bekommen.” Die materielle Entschädigung war für ihn ein zentraler Punkt, aber er beklagt eindringlich, dass die deutsche Seite nicht einmal auf die IMIs zugegangen ist und eine Aussprache gesucht hat. Stattdessen sollten Versöhnungszeichen in Form von Museen und Bibliotheken gesetzt werden. Es ist ein immer wiederkehrendes Muster: Die Opfer sprechen von Schuld und Entschädigung und die deutsche Seite von Versöhnung.

Den Opfern der NS-Verbrechen blieb nach dieser erneuten Demütigung nur die Möglichkeit Klagen vor italienischen Gerichten einzureichen. In diesen Prozessen wurde Deutschland zu Entschädigungszahlungen verpflichtet, die Urteile wurden von dem höchsten italienischen Gericht, dem Kassationshof in Rom bestätigt. Doch die deutsche Seite erkannte die Urteile nicht an und es folgte ein Prozessverfahren vor dem IGH und ein weiteres Urteil des Kassationshofs in Rom, dass das IGH-Urteil nicht anerkannte. Zu keiner Zeit wollten deutsche Regierungsvertreter auf die Gegenseite zugehen und nach über 20 Jahren endete die Auseinandersetzung mit einem Fonds der italienischen Regierung, der die Opfer der deutschen Verbrechen entschädigen soll. Am 30. April 2022 erlies die italienische Regierung per Dekret einen Fonds, der bis 2026 55,4 Millionen Euro ausschütten soll. Im Jahr 2023 wurde der Fonds um weitere 6 Millionen auf 61 Millionen Euro erhöht. Abgesehen davon, dass die Summe von vielen Experten als zu gering eingeschätzt wird, ist es ein Skandal: Nicht der Nachfolgestaat des NS-Staats, der für die Verbrechen verantwortlich ist, zahlt in den Fonds ein, sondern der Staat der Opfer muss die Gelder aufbringen. Italienische Medien berichten zudem von langwierigen und komplizierten Verfahren, um Zahlungen aus dem Fonds zu erhalten. Vor dem Hintergrund der viel zu geringen Mittel legen die italienischen Behörden strikte Regeln an. Es ist ein unwürdiges Spiel auf Zeit, denn die Antragssteller sind mittlerweile sehr alt.

Deshalb unsere Forderung:
Alle IMIs müssen endlich schnell entschädigt werden und das mit Geldern des deutschen Staats!

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