Der Arbeitskreis Distomo
Der Arbeitskreis Distomo aus Hamburg wurde im Jahr 2001 gegründet. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich dem Kampf gegen den Faschismus und der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus verpflichtet sehen. Ein zentrales Thema war und ist für uns die Frage der Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen sowie die Verfolgung der Täter.
Die tausendfachen Morde und die Zerstörung Griechenlands unter deutscher Besatzung wurden so gut wie nicht entschädigt. Eine strafrechtliche Verfolgung fand kaum statt. Deutschland schuldet Griechenland seit fast 80 Jahren eine Summe, die der Oberste Rechnungshof Griechenlands im Jahre 2016 mit rund 270 Milliarden Euro berechnet hat und die von der griechischen Regierung immer wieder eingefordert worden ist. Die deutsche Regierung allerdings hält die Zahlungsverpflichtungen für erledigt.
Als wir von dem Fall Distomo aus den Medien hörten, war für uns klar, dass wir uns mit diesem Thema beschäftigen wollen. Wir informierten uns über die deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland. Seither organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen in Hamburg und anderen Orten, u.a. mit Iannis Stamoulis, dem Rechtsanwalt der Klägerinnen aus Distomo, der im Dezember 2001 in der Hochschule für Wirtschaft und Politik zum ersten Mal in Deutschland einen Vortrag über den Prozess und seine Hintergründe hielt.
Wir fuhren im Jahr 2002 erstmals als politische Reisegruppe nach Griechenland und trafen in Thessaloniki, Athen, in Distomo und in Kalavryta viele Menschen, die sich für die Entschädigung der Überlebenden der deutschen Besatzungsverbrechen einsetzten. Seit 2004 nehmen wir regelmäßig an den Gedenkfeiern in Distomo teil, einige von uns beteiligten sich auch an den Gedenkfeiern in Kalavryta oder Ano Viannos. Die Solidarität mit den Überlebenden und Angehörigen ist für uns eine wichtige Motivation.
Wir haben uns viel mit den Prozessen im Fall Distomo beschäftigt. So haben wir den Prozess der Geschwister Sfountouris in Deutschland begleitet und waren bei der Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe anwesend. Wir stehen im engen Kontakt mit Dr. Joachim Lau aus Florenz, der bis heute den Distomo-Prozess in Italien führt und wir waren 2008 beim Kassationshof in Rom, als dort über die Frage der Anerkennung des Urteils des Landgerichts Levadia verhandelt wurde.
Für uns sind die Prozesse ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung von Entschädigungsforderungen. Wir nehmen diese aber auch zum Anlass, um die Öffentlichkeit zu informieren. Als Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag klagte, um die Entschädigungsprozesse in Italien zu stoppen, haben wir vor Ort Veranstaltungen durchgeführt, u.a. in Zusammenarbeit mit Amnesty International in der Universität Den Haag.
Wir haben uns an den Protesten gegen die jährlichen Treffen der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald beteiligt. Dort treffen sich seit 1952 zu Pfingsten die Veteranen der Wehrmacht, die an vielen Kriegsverbrechen in Griechenland beteiligt waren. Aber auch aktive Soldaten sehen sich scheinbar dieser Tradition verpflichtet und beteiligeten sich an diesen Treffen, Auch dort haben wir das Thema der Entschädigung eingebracht. 2003 sprachen u.a. Argyris Sfountouris aus Distomo und Aristomenis Syngelakis vom „Nationalrat für die Entschädigungsforderungen Griechenlands gegenüber Deutschland“ auf einem Hearing in Mittenwald.
Neben Informationsveranstaltungen und Pressemitteilungen sind auch Kundgebungen und Demonstrationen ein wichtiges Instrument, um auf die ungelöste Frage der Entschädigung aufmerksam zu machen. Viele Male haben wir mit unseren griechischen Freundinnen vor der deutschen Botschaft in Athen demonstriert. Aber auch in Deutschland gehen wir hierfür auf die Straße. Zuletzt haben wir am 8. Mai 2024, dem Tag der Befreiung, auf einer Kundgebung vor dem Hamburger Rathaus über das Thema der Entschädigung für NS-Verbrechen gesprochen.
Die Frage der Entschädigung ist nicht nur in Griechenland ungelöst, auch Opfergruppen u.a. aus Italien oder Slowenien fordern Entschädigung von Deutschland, weil sie von allen bestehenden Regelungen ausgeschlossen sind. Derzeit unterstützen wir die Forderungen niederländischer Nachkommen der Menschen (Juden sowie Sinti und Roma), die von der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert wurden.
Internationale Zusammenarbeit und Solidarität sind ein wichtiger Ansatz für unsere politische Arbeit. Wir streiten für unsere Ziele gemeinsam mit vielen Menschen und Organisationen in Deutschland, Griechenland, Italien und vielen anderen Ländern. Antifaschismus kennt keine Grenzen. Wir fordern Gerechtigkeit und verlangen, dass Deutschland seine Pflicht gegenüber den Opfern und Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen erfüllt.
Mit unserer Arbeit widersprechen wir der Behauptung der deutschen Bundesregierungen, das Thema der Entschädigung für NS-Kriegsverbrechen sei seit 1990 rechtlich und politisch abgeschlossen. Wir widersprechen der Erzählung, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus sei Deutschland vorbildlich gelungen. Die deutsche Berufung auf den Grundsatz der Staatenimmunität für NS-Kriegsverbrechen, die Verweigerung der Entschädigung der Betroffenen der Barbarei, fördert die Vorstellung, solche Menschheitsverbrechen könnten für den Aggressor ohne Folgen bleiben. Es ist eine Haltung, aus der sich in Europa Nationalismus, Rassismus und rechte Gewalt speist. Sie fördert eine Politik, die erneut Unmenschlichkeit zu ihrer Grundlage macht.
Unsere Forderungen sind:
Sofortige Entschädigung aller Opfer des Nationalsozialismus!
Nazi-Verbrechen nicht vergeben, den antifaschistischen Widerstand nicht vergessen!
Gemeinsamer Kampf gegen den wiedererstarkenden Faschismus in Europa!
